Verletzungen im Grappling-Training: die Rangliste stimmt nicht mit dem Bauchgefühl

Im Grappling erwartet man Knie und Schultern. Was in den Daten ganz oben steht, sind Finger und Zehen. Und die häufigste ärztlich behandelte Diagnose ist überhaupt keine Verletzung im klassischen Sinn.

Woher die Zahlen kommen

Eine amerikanische Untersuchung befragte Mitglieder von 166 BJJ-Gyms zu Verletzungen im Training – ausdrücklich nicht im Wettkampf. 140 Auswertungen kamen zusammen, darin 487 Verletzungen. 120 der 140 Befragten, also knapp 86 Prozent, berichteten von mindestens einer Verletzung im letzten Jahr. Der durchschnittliche Teilnehmer trainierte 3,7 Tage und 7,6 Stunden pro Woche.

Die Rangliste

  • Hand und Finger – 70 Meldungen, 14,4 Prozent
  • Fuss und Zehen – 52 Meldungen, 10,7 Prozent
  • Arm und Ellbogen – 51 Meldungen, 10,5 Prozent
  • Knie – 45 Meldungen, 9,2 Prozent
  • Rücken 8,8 Prozent, Schulter 8,4 Prozent, Haut 8,2 Prozent

Die Autoren erklären das mit dem Sport selbst: Die Finger greifen ständig in Gi und Körper des Partners, und die Füsse sind barfuss unterwegs. Beides verfängt sich – im Stoff des Gegners oder in der Matte.

Der Unterschied zwischen „weh“ und „Arzt“

Hier wird es aufschlussreich. Bei den Verletzungen, wegen denen niemand zum Arzt ging, führen klar die Arme: 28 eingeklemmte Finger, 22 überstreckte Finger, 26 überstreckte Ellbogen. Bei den ärztlich diagnostizierten Verletzungen sieht die Liste anders aus – dort steht das Knie mit 26 Fällen vorn, darunter allein zwölf Meniskusverletzungen und sieben Bänder- oder Sehnenrisse.

Kurz gesagt: Oben tut es häufiger weh, unten wird es ernster.

Die häufigste Diagnose überhaupt

Mit 38 Fällen waren Hautinfektionen die häufigste ärztlich behandelte Kategorie, häufiger als jede einzelne Gelenkverletzung. Aufgeschlüsselt: 15 Mal Ringelflechte, fünf Mal ein vermuteter Staphylokokken-Befall, dazu Impetigo, Dellwarzen und Warzen. Die Autoren vermuten, dass Sportler bei Hautsachen eher zum Arzt gehen, weil sie Angst haben, den Rest der Gruppe anzustecken – aber möglicherweise sind sie schlicht so häufig. Was dagegen hilft, haben wir hier mit Zahlen aufgeschrieben.

Was das für dein Training heisst

  • Frag dich nicht, ob du irgendwann Fingerprobleme bekommst, sondern wann. Wer viel im Gi greift, sollte das einkalkulieren.
  • Früher abklopfen. Die Autoren schreiben es selbst: Wer beim Üben schneller tappt, spart sich Überstreckungen. Im Training gewinnt niemand etwas, indem er eine Hebel bis zum Ende aushält.
  • Haut zuerst. Duschen direkt nach dem Training, Schrammen abdecken, Rashguard statt blanker Haut auf der Matte.
  • Knieschmerz ernst nehmen. Wenn eine Sache in dieser Untersuchung überdurchschnittlich oft beim Arzt landete, dann Kniebeschwerden – und zwölf Meniskusverletzungen unter 140 Befragten sind kein Zufall.

Was man dazusagen muss

Es ist eine rückblickende Befragung. Wie viele Sportler den Fragebogen überhaupt erhielten, lässt sich nicht sagen, und Erinnerungslücken über ein Jahr sind wahrscheinlich. Selbst diagnostizierte Beschwerden wurden nur gezählt, wenn sie mindestens eine Woche Trainingspause bedeuteten – Kleinkram ist also draussen. Eine neuere internationale Erhebung mit 881 Teilnehmenden nennt im Abstract eine Rate von 5,5 Verletzungen pro 1000 Trainingsstunden und 55,9 pro 1000 Wettkampfmatches, mit höheren Raten bei höheren Gürtelgraden; den Volltext dieser Arbeit konnten wir nicht einsehen, deshalb bleibt es bei dieser Einordnung.

Quelle: McDonald A.R., Murdock F.A. Jr., McDonald J.A., Wolf C.J., Prevalence of Injuries during Brazilian Jiu-Jitsu Training, Sports 2017;5(2):39, DOI 10.3390/sports5020039, CC BY. Ergänzend die Angaben aus dem Abstract von Stegerhoek P.M. et al., BMJ Open Sport & Exercise Medicine 2025;11(1):e002322, DOI 10.1136/bmjsem-2024-002322. Stand: 08.2026. Dieser Text ersetzt keine ärztliche Beratung.

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