Gewicht machen: was die Zahlen sagen und was die Reglemente verlangen

Kaum ein Thema im Kampfsport wird so selbstverständlich weitergegeben wie das Gewichtmachen. Sauna, Plastikanzug, letzter Tag nichts trinken – jeder kennt jemanden, der so gemacht hat. Was die Forschung dazu sagt, ist unbequem, und die Reglemente sind inzwischen strenger, als viele glauben.

Wie verbreitet es ist

Ein Übersichtsartikel im Journal der International Society of Sports Nutrition hat die Zahlen zusammengetragen. Rund die Hälfte aller Kampfsportler betreibt schnelles Gewichtmachen, in einzelnen Disziplinen deutlich mehr: im Ringen 60 bis 90 Prozent, im Judo um die 86 Prozent, und in der untersuchten brasilianischen Olympia-Box-Auswahl waren es 100 Prozent bei durchschnittlich 5,8 Kilogramm.

Die meisten reduzieren 2 bis 5 Prozent ihres Körpergewichts. Rund 40 Prozent gehen auf 5 bis 10 Prozent runter. Und was aufhorchen lässt: Etwa 60 Prozent der befragten Judoka haben damit im Alter zwischen 12 und 15 Jahren angefangen.

Was es kostet

Die Untersuchungen zeigen bei schnellem Gewichtsverlust schlechteres Kurzzeitgedächtnis, weniger Konzentration, weniger Selbstvertrauen, dafür mehr Verwirrung, Wut, Müdigkeit und Niedergeschlagenheit. Übersetzt in den Wettkampftag: Du nimmst die Anweisungen deines Trainers schlechter auf und triffst schlechtere Entscheidungen – genau dann, wenn beides zählt.

Dazu kommt das Verletzungsrisiko. Wer mehr als fünf Prozent des Körpergewichts abgibt, hatte in einer der zitierten Untersuchungen eine höhere Verletzungswahrscheinlichkeit im Wettkampf.

Und es gibt die Fälle, die man nicht wegdiskutieren kann: 1996 starb ein Judoka in der Sauna beim Gewichtmachen, 1997 starben drei College-Ringer an Überhitzung und Flüssigkeitsmangel. Diuretika sind von der WADA verboten und stehen hinter der Mehrzahl der Dopingfälle im Kampfsport.

Was die Reglemente daraus gemacht haben

Die Verbände haben reagiert, und das betrifft dich direkt, sobald du startest:

  • Im olympischen Boxen wird an jedem Wettkampftag gewogen, an dem du kämpfst. Du darfst nur einmal auf die offizielle Waage. Über dem Limit heisst Walkover für den Gegner – und unter dem Mindestgewicht deiner Klasse ebenfalls. Zwischen Waage und erstem Kampf müssen mindestens drei Stunden liegen.
  • Im Amateur-MMA nach IMMAF wird ebenfalls am Wettkampftag gewogen, und an jedem weiteren Tag, an dem du weiterkommst.
  • Die Unified Rules sehen vor, dass bei der Untersuchung vor dem Kampf gezielt auf Anzeichen extremer Gewichtsreduktion und Austrocknung geachtet wird.

Im US-College-Ringen läuft seit Jahren ein Kontrollprogramm, das genau dort ansetzt: Kampf innerhalb einer Stunde nach dem Wiegen, nur ein Wiegevorgang, Hydrationstest, ein zu Saisonbeginn festgelegtes Mindestgewicht und maximal 1,5 Prozent Gewichtsabnahme pro Woche. Die Autoren empfehlen, das auf andere Kampfsportarten zu übertragen.

Der sichere Weg, so wie ihn die Autoren beschreiben

Wir schreiben hier bewusst nicht auf, wie man in drei Tagen fünf Kilo abgibt. Das steht in der Arbeit auch nicht – dort stehen die Gegenmassnahmen:

  • Langsam abnehmen, weniger als ein Kilogramm pro Woche.
  • Ziel ist Körperfett. Muskelmasse und Wasser sollen bleiben.
  • Wer mehr als fünf Prozent abgeben müsste, um in die Klasse zu passen, soll gar nicht erst runtergehen.
  • Ebenso, wenn der Körperfettanteil dabei unter fünf Prozent bei Männern oder unter zwölf Prozent bei Frauen fallen würde.
  • Krafttraining während der Reduktion beibehalten.
  • Keine kohlenhydratarmen Diäten zum Gewichtmachen – die schneiden in den Untersuchungen bei der Leistung am schlechtesten ab.
  • Wenn zwischen Waage und Kampf weniger als drei Stunden liegen: kein schnelles Abnehmen, kein Entwässern, keine Kohlenhydratrestriktion.
  • Nach dem Wiegen viel Kohlenhydrate, Flüssigkeit und Elektrolyte.

Zwei Ergänzungen nennt die Arbeit noch: BCAA während der Reduktionsphase zum Erhalt der Muskelmasse und Creatine, wenn nach dem Wiegen viel Zeit bis zum Kampf bleibt. Beides sind Empfehlungen aus dem Jahr 2012, und der Stand zu einzelnen Präparaten hat sich seither teilweise geändert. Wir sprechen dafür keine Empfehlung aus – es gehört aber zur Vollständigkeit, dass es dort steht.

Die unbequeme Stelle

Die Autoren verschweigen nicht, dass es Untersuchungen gibt, in denen Sportler mit aggressiverem Gewichtmachen besser abschnitten. In anderen Untersuchungen fand sich dieser Zusammenhang nicht. Insgesamt ist die Datenlage dünn und widersprüchlich – was sich nicht widerspricht, sind die gesundheitlichen Folgen.

Ein Detail für alle, die mit Jugendlichen arbeiten: 10 bis 20 Prozent der befragten Ringer gaben an, beim Essen die Kontrolle zu verlieren; nach dem Wettkampf stieg dieser Anteil auf 30 bis 40 Prozent. Wer bei sich oder bei jemandem im Team so etwas bemerkt, sollte das nicht als Teil des Sports abtun, sondern fachliche Hilfe suchen.

Quelle: Franchini E., Brito C.J., Artioli G.G., Weight loss in combat sports: physiological, psychological and performance effects, Journal of the International Society of Sports Nutrition 2012;9:52, DOI 10.1186/1550-2783-9-52, Open Access. Regelangaben: World Boxing Competition Rules, November 2024, Regel 5.6 Weigh-ins (worldboxing.org); IMMAF Unified Rules for Amateur Competition, März 2017 (immaf.org); Association of Boxing Commissions, Committee Report on Unified Rules for MMA, 2009 (abcboxing.com). Stand: 08.2026. Dieser Text ersetzt keine ärztliche oder ernährungsmedizinische Beratung.

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